Filme nach Programmschiene

Vanessa Redgrave

Mrs. Burrage: Well, well Miss Chancellor. You are quite a speaker yourself …
Olive Chancellor: No, I’m not. I am awkward and dry. It is she (Verena), who is elegant and graceful and lovely.

So weit das Selbstbild von Olive Chancellor, reiche, unabhängige, überzeugte Frauenrechtlerin in James Ivorys Verfilmung von Henry James’ Roman „The Bostonians“. Vanessa Redgrave gibt dieser Paradevertreterin einer aufgeklärten Ostküsten-Elite eine kontrollierte und doch leidenschaftliche Präsenz. Ihre eindrucksvolle Erscheinung mit gut ein Meter achtzig, mit markanten Gesichtszügen und dunkler Stimme beeindruckte zunächst das Londoner Theaterpublikum. Und dann Kinobesucher_innen weltweit, als sie in Michelangelo Antonionis Blow-up in einer kleinen Rolle als Fotomotiv wider Willen auffiel. Unterdrückte Leidenschaft, die sprichwörtlich britische ,stiff upper lip‘, aber vor allem ihre Androgynität und Subtilität in der Darstellung changierender (Geschlechter-)Rollen sind mittlerweile ihre Markenzeichen. Rollen, die immer wieder durch einen ausgeprägten Willen der Figuren und das Aufbegehren gegen Machtstrukturen und Klassensysteme charakterisiert sind.

Dabei ist Redgrave selbst sozusagen ‚Schauspieladel‘, im Jahr 1937 in ein privilegiertes Umfeld hineingeboren. Ihre Eltern sind die Schauspieler_innen Rachel Kempson und Michael Redgrave. Ein Großvater ist Stummfilmakteur Roy Redgrave, Vanessas jüngere Geschwister Corin und Lynn werden in dem Metier später ebenso erfolgreich wie ihre Töchter Joely und Natasha Richardson (aus erster Ehe mit Regisseur Tony Richardson).
Vanessa Redgrave studiert ab 1954 an der Royal Central School of Speech and Drama in London. 1958 steht sie erstmals vor der Kamera, als Filmtochter ihres Vaters in Behind the Mask. Zunächst hat sie am Theater Erfolg, das Jahr 1966 markiert ihren Durchbruch als Filmschauspielerin: Sie ist in Morgan: A Suitable Case for Treatment und in Fred Zinnemanns Historiendrama A Man for All Seasons zu sehen, den nachhaltigsten Eindruck hinterlässt jedoch Blow-up. Die drei Filme veranschaulichen jene darstellerische Bandbreite, die Redgraves Laufbahn weiter prägen wird: Zwischen der Verkörperung großer Frauenfiguren – Königinnen, Cosima Wagner oder Virginia Woolfs Mrs. Dalloway – und dem Überschreiten filmischer wie gesellschaftlicher Konventionen.
Dafür ist Vanessa Redgrave auch abseits der Schauspielarbeit gut. Sie ist eine deklarierte Linke. Konsequenterweise lehnt sie die Erhebung zur „Dame“ 1999 ab. Ihr Engagement für die Palästinenser_innen sorgt in den 1970ern für Kontroversen, nicht zuletzt rund um die Academy Awards 1978, als sie für Julia als beste Nebendarstellerin nominiert ist – und gewinnt.

Die identities-Double-Bill nimmt auf diese Vita Bezug, mit Filmfiguren, deren politische Aktivität mit queerer Identität verknüpft ist: Redgrave, die Wandlungsfähige, spielt also in The Bostonians die schon etwas abgekämpft wirkende Suffragette Olive Chancellor, die mit einem virilen Anwalt um die Liebe der jungen Verena buhlt und dabei selbst einen späten Emanzipationsprozess durchläuft. In Second Serve (einer mittlerweile legendären TV-Produktion von 1986) verkörpert sie in einer – in ihrer Tragweite sehr politischen – ‚true story‘ einen erfolgreichen Mann, der seine weibliche Identität anfangs heimlich auslebt, bevor er sich zu einer geschlechtsangleichenden Operation entschließt und dann sehr schnell an die ,gläsernen Decken‘ von traditionellen Geschlechtszuschreibungen stößt. Redgraves Performance ist atemberaubend (Golden-Globe- und Emmy-Nominierung). Schon die Tatsache, dass sie als Frau zunächst einen Mann spielt, der sich Attribute von Weiblichkeit nur äußerlich anlegt, bringt feste Zuschreibungen aufs Schönste zum Flirren. (Isabella Reicher)



filmpic The Bostonians
James Ivory
USA 1984, 16 mm, Farbe, 117 min, OF

14.06. 16:00 / Filmcasino
filmpic Second Serve
Anthony Page
USA 1986, 35mm, Farbe, 90 min, OF – Österreich-Premiere

19.06. 18:00 / Filmcasino
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