Les Vies de Thérèse  (The Lives of Thérèse)
Sébastien Lifshitz
Frankreich 2016, DCP, Farbe und S/W, 52 Min., OmeU – Österreich-Premiere

Queer Palm “Best Documentary” – Cannes Film Festival 2016

Les Vies de Thérèse erzählt mit frischer Leichtigkeit von einem Kampf: dem Feminismus. Wie treffend, es ist auch unserer. Grazia
The Lives of Thérèse […] is about life – a life so enormous, in fact, that pluralizing the noun into “lives” feels less like a rhetorical device than a bold statement of fact. Variety
Das Leben bis zum Ende leben. Gala
Die tausend schönen Leben der Thérèse Clerc. novaplanet.com
Eine berührende Hommage und ein wichtiger Film. Les Nouvelles

„Filmen Sie mich, während ich sterbe“ – ein Wunsch an Regisseur und Freund Sébastien Lifshitz, der nicht außergewöhnlicher, direkter und unmissverständlicher sein könnte. Aber diejenige, die ihn äußerte, war in ihrem Leben und Lieben ebenso: Thérèse Clerc ist eine Heldin der französischen Frauenbewegung. Die vierfache Mutter lässt in den 1970er Jahren Konformität und die muffige Enge des katholischen Hausfrauenlebens („Ich war so ein Lamm damals“) sowie tradierte Geschlechterdefinitionen endgültig zurück, entdeckt die Politik und den Marxismus, lebt fortan lesbisch und ist sehr aktiv im zeitweise militanten Kampf um Gleichberechtigung – ihr Leben lang. In Sébastien Lifshitz‘ Doku Les Invisibles gab sie selbstbewusst, trocken und trotzdem amüsant Einblick, wie es sich damals anfühlte aus- und aufzubrechen, Rechte einzufordern, die Gesellschaft zu verändern und Feminismus tagtäglich zu leben und zu genießen. Diese damals gewonnene neue Selbstbestimmtheit und Klarheit prägen ihr Dasein auch im hohen Alter (mit 88 Jahren) und ihren Umgang mit der eigenen Sterblichkeit. Also wünscht sie sich einen Film als Dokumentation und Begleitung ihres Lebensendes.
Gefühlvoll, mit Respekt und doch großer Offenheit begleiten Regisseur und Kamera Thérèse in den letzten Wochen, sind neben ihr, neben Bett und Tisch, im Krankenhaus bei Untersuchungen, zu Hause, wenn Freund_innen und Familie vorbeikommen, um noch mal zu feiern und sich zu verabschieden. Die Kinder diskutieren Pflegeoptionen, die Enkelin stellt Fragen zur Frauenbewegung, über das Private und das Politische – einfühlsam, aber neugierig. Das Diskursive hatte in der Familie offensichtlich einen hohen Wert und Einfluss auf das Miteinander.

Ohne Selbstmitleid wundert Thérèse sich über nie gekannte körperliche Schwäche, ist irritiert, auch erschrocken, aber unbeirrt in ihrer Haltung, lässt sich nicht gehen, widmet sich ihrer morgendlichen Toilette und weiterhin mit Hingabe den trockenen Analysen des eigenen Zustands, der Gesellschaft, der Politik - mit Distanz, Humor und aufblitzendem Intellekt. Es ist eine besondere Form des Abschiednehmens, lebensbejahend, ja sogar vielfach heiter trotz des Wissens um den bevorstehenden Verlust. Das Kinopublikum wird eingeladen, Thérèse in ihrer Stärke und dem bis zum Schluss so manifesten wie lustvollen feministischen Weltbild zu folgen.

Sébastien Lifshitz
studierte von 1987 bis 1993 an der École du Louvre und an der Sorbonne Kunstgeschichte, arbeitete als Assistent Bernard Blistènes und Suzanne Lafonts am Centre Georges Pompidou und schlug dann eine Laufbahn als Regisseur ein. In Les Corps ouverts und Les Terres froides spielte Lifshitz auch in kleinen Nebenrollen.
Für seinen Dokumentarfilm Les Invisibles (2012), der das Leben älterer homosexueller Männer und Frauen porträtiert, gewann er 2013 einen César.

Filmografie (Auswahl):
Il Faut que je l’aime (1996, Kurzfilm), Les Corps ouverts (1998, Kurzfilm), Les Terres froides (1999, Fernsehfilm), Presque rien (Sommer wie Winter, 2000), La Traversée (2001, Dokumentarfilm), Wild Side (2004), Plein Sud (Plein Sud. Auf dem Weg nach Süden, 2009), Les Invisibles (2012, Dokumentarfilm), Bambi (2013, Dokumentarfilm), Les Vies de Thérèse (2016, Dokumentarfilm).

KATEGORIE:
PROGRAMMSCHIENEN:
10.06. 20:00 / Metro Kino Historischer Saal

REGIE:
Sébastien Lifshitz

Kamera: Paul Guilhaume.
Schnitt: Pauline Gaillard.
Produktion: Muriel Meynard.
Mit: Thérèse Clerc, Familie und Freund_innen.

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