Miss Mona
Mehdi Charef
Frankreich 1987, 35mm, Farbe, 98 Min., OmdU

Vorstellung anlässlich des 30. Jubiläums des Kinostarts mit freundlicher Unterstützung von KG Productions – Mme. Ray-Gavras

Präsentiert von shu!

Nominierung „bester Schauspieler“: Jean Carmet – Césars 1988
Nominierung „beste Kamera“: Patrick Blossier – Césars 1988

Miss Mona ist ein bewegendes Drama über die Einsamkeit der Außenseiter, über ihre Ausbeutung und ihre soziale Entwurzelung. … Immer wieder schafft Charef kleine poetische Momente, in denen die Utopie einer klassen- und vorurteilslosen Gesellschaft sichtbar wird. 3sat Magazin
Mehdi Charefs Filme sind erstaunliche Bestandsaufnahmen zur Lage des „Menschen-Treibgutes“ in den europäischen Industrienationen, ohne Pathos, ohne schwule Grandezza, ohne politische Nachhilfestunden: Die Darstellung ist die Kritik. Dass dies möglich ist, hat Mehdi Charef auch in seinem zweiten Film auf sehenswerte und intelligente Weise bewiesen. Tip-Magazin

Den Alltag von Samir, arabischer Einwanderer ohne Aufenthaltsgenehmigung und Papiere in Paris, bestimmen unsichere Gelegenheitsjobs, Hunger und ständige Angst vor der Polizei. Der Traum von Miss Mona ist eine geschlechtsangleichende Operation. Mona und Samir treffen aufeinander und werden rasch zur Überlebensgemeinschaft. Mona bietet Samir Unterschlupf in ihrem „Heim“, einem Wohnwagen am Stadtrand, in dem sie mit ihrem Vater lebt und wo sie sich als Kartenlegerin über Wasser hält. Samir lässt Mona klar wissen, dass er nicht auf Männer steht. Aber sein Körper wird zu seinem „Kapital“, und Mona vermittelt ihn. Beide versuchen, so ihren Träumen näher zu kommen…
In knappen, präzisen Szenen, vielfach ohne viel Dialog, aber mit beeindruckender Kameraarbeit bringt Mehdi Charef, von Fassbinder inspirierter Autodidakt, bei knappem Budget mit großer technischer Versiertheit das Zweckbündnis von Miss Mona und Samir lebensnah und authentisch auf die Leinwand. In seinem Drama, das in der Pariser Metro – also „dans le ventre de la cité“ – beginnt, dort, wo sich tagtäglich Menschen und Schicksale treffen, und das dort auch wieder endet, gelingen ihm neben tragikomischen Momenten sensible und berührende Zwischentöne sowie nachhaltige Sozialkritik.

Charef kennt schließlich das Milieu und seine Landsleute. Anfang der sechziger Jahre kam er zusammen mit seiner großen Familie aus Algerien an der unwirtlichen Pariser Gare d'Austerlitz an – und gehörte damit fast automatisch zu den Außenseitern der fremdenfeindlichen französischen Gesellschaft (…). Mehdi Charef arbeitete in den verschiedensten Berufen, geriet auf die schiefe Bahn, landete für ein paar Wochen im Gefängnis; danach wurde er ein besonders pünktlicher und akkurater Mechaniker in einer Werkzeugfabrik. Die Arbeit in dem Werk kompensierte er mit Fluchten ins Kino und in die Literatur, die Misere seiner proletarischen Existenz schrieb er sich allabendlich in seinem Buch „Tee im Harem des Archimedes“ von der Seele. In der […] französischen Filmszene sorgte der Autodidakt aus Algerien für Unruhe […] und hat sich einen „anderen Blick auf die Dinge“ bewahrt. (Der Spiegel 1989)

Mehdi Charef
wurde am 21. Oktober 1952 in Maghnia, Algerien geboren und ist Schriftsteller, Filmregisseur und Bühnenautor. Nach Frankreich kam Charef im Alter von zehn Jahren, er lebte in verschiedenen Städten und auch in den Slums des Pariser Ballungsraums. Von 1970 bis 1983 arbeitete er als Scherenschleifer in einer Fabrik –in seiner Freizeit schrieb er. Zum Film kam er, als ihm Costa-Gavras riet, seinen Roman „Le Thé au Harem d'Archi Ahmed“ zu verfilmen. 2005 verfasste er sein erstes Theaterstück mit dem Titel „1962“, das vom Ende des Algerienkriegs handelt. Für seine Filme war er mehrfach preisnominiert. Für Le Thé au harem d'Archimède wurde er bei den Internationalen Filmfestspielen von Cannes 1985 mit dem „Award of the Youth“ ausgezeichnet, erhielt im gleichen Jahr den „Jean-Vigo-Preis“ und 1986 den französischen „César“ in der Kategorie „Bestes Erstlingswerk“. Mit Au Pays des Juliets war er bei den Internationalen Filmfestspielen von Cannes 1992 für die „Goldene Palme“ nominiert, erhielt dann den „Preis der ökumenischen Jury – Besondere Auszeichnung“. 2002 bekam er beim International Festival of Love Films in Mons den „Kodak-Award“ für La Fille de Keltoum.

Filmografie (Auswahl): Le Thé au harem d'Archimède (Tee im Harem des Archimedes, 1984), Miss Mona (1987), Camomille (Versteckte Leidenschaft – Camomille, 1987), Au pays des Juliets (Ein Tag und eine Nacht, 1991), Pigeon vole (Frei wie ein Vogel, Fernsehfilm, 1995), La Maison d'Alexina (Lernen zu Leben, Fernsehfilm, 1999), Marie-Line (2000), La Fille de Keltoum (Tochter von Keltoum, 2001), All the Invisible Children (Segment „Tanza“, Alle Kinder dieser Welt, 2005), Cartouches gauloises (2007), Graziella (2014).

KATEGORIE:
PROGRAMMSCHIENEN:
15.06. 22:00 / Filmcasino

REGIE:
Mehdi Charef

Buch: Mehdi Charef.
Kamera: Patrick Blossier.
Schnitt: Kenout Peltier.
Produktion: Michèle Ray-Gavras.
Mit: Jean Carmet, Ben Smaïl, Rémi Martin, Albert Delpy, Albert Klein, Hélène Duc.

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