Feelings Are Facts: The Life of Yvonne Rainer
Jack Walsh
USA 2015, DCP, Farbe und s/w, 83 min, OF – Österreich-Premiere

Jack Walsh ist angefragt.

The function of art is to shake us out of our complacency and comfort. Yvonne Rainer

She is an inspiration to dancers and filmmakers alike, and frankly, to anyone who simply does not fit the proscribed roles portrayed in mass media. Jack Walsh

A gentle immersion into the stormy waters of post-WWII American art. The Hollywood Reporter

I think of Yvonne Rainer foremost as a conceptual artist – and the best of her generation. For fifty years, Rainer has used time-based mediums – dance, performance, and film – to create resonant works of art that are at once formally radical, political and deeply personal. (Glenn Phillips, Getty Research Institute)

„Lesben sind notorische Spätrückgeberinnen von Büchereientlehnungen. Sagt die Statistik.“
Mit diesem lakonischen Statement von Yvonne Rainer aus MURDER and murder (die dabei keck direkt in die Kamera blickt) eröffnet Jack Walsh seine filmische Erfassung von Rainer und ihrem Schaffen als Pionierin der Performance-Kunst und des postmodernen Tanzes. Bei aller Intellektualität und avantgardistischen Reduktion ist Humor bei Rainer eine essenzielle Qualität und Konstante.

1966 revolutionierte Yvonne Rainer mit ihrer Performance „Trio A“ den modernen Tanz, indem sie auf radikal unspektakuläre Weise das menschliche Bewegungsrepertoire analysierte. Beeinflusst von Merce Cunningham und John Cage entwickelte sie sozialpolitische Choreografien, in denen sie alltägliche Bewegungen auf der Bühne durcharbeitete, als bewussten Gegenpol zu den Erwartungen des Publikums. Weil sie auf keinen Fall gefällig wirken wollte, begann sie mit Film zu experimentieren, und zwar mit dem gleichen revolutionären Impetus wie in der Körperarbeit. Mit 56 Jahren hatte sie ihr Coming-out als Lesbe, 1997 gewann sie mit MURDER and murder den Teddy Award.
Regisseur Jack Walsh gelingt es, den künstlerischen Werdegang einer konsequenten und sympathischen Avantgardistin von den 1950ern bis heute mit vielen Filmausschnitten, Archivaufnahmen und Neuinterpretationen ihrer Choreografien zu illustrieren. Tanzexpert_innen und Wegbegleiter_innen ergänzen Rainers eigene Erinnerungen. Heute, mit achtzig Jahren, arbeitet sie immer noch auf der Bühne, seit eine Anfrage von Michail Baryschnikow sie im Jahr 2000 zu einem späten Comeback als Choreografin bewegte. (Int. Filmfestspiele Berlin)

„Theorising in motion“ fasste eine von Yvonne Rainers langjährigen Kollaborateur_innen deren Arbeiten zusammen, während Rainer sich selbst nie als Theoretikerin sah. Ihre Transformation von dem, was lange gemeinhin als ‚Tanz‘ galt, ist feministisch geprägt, radikal und politisch, und voller Humor. Indem Rainer ‚alltägliche‘ Bewegungen auf der Bühne dekonstruierte, rückte sie Rollenbilder und Konventionen in der Gesellschaft und im (elitären) Kunstbetrieb in den Fokus. Rainer entsprach auf vielen Ebenen nicht den vorgegebenen Parametern einer Tänzerin: zu groß, zu schlaksig, „too odd looking“. Martha Graham beschied der jungen Rainer, die in ihrer Truppe trainierte, keine Aussicht auf eine Karriere in der Tanzwelt – ein großer Irrtum, wie sich später herausstellte.
Schon früh arbeitete Rainer mit Video und Film. Die inhaltlichen und formalen Experimente – minimalistische Reduktionen und nonlineare Erzähl- und Bewegungsstrukturen – in ihren erweiterten (Tanz-)Performances fanden dabei im Bewegtbild ihre Entsprechung. Gegenüber dem eigenen Tun und der (Bedeutung der) eigenen Person ließ Yvonne Rainer stets ‚sarcastic self-deprecating humor‘ aufblitzen. Und tut es noch, wie Jack Walshs Doku eindrücklich vermittelt. So erzählt sie etwa vor laufender Kamera, dass ihre frühen Choreografien „als zielloses Herumschleppen von Matratzen auf der Bühne ohne erkennbaren Grund“ beschrieben wurden. (Barbara Reumüller)

Making abundant use of film excerpts, archive footage and reinterpretations of Yvonne Rainer’s choreographies, director Jack Walsh succeeds in illustrating the artistic development of an unswerving yet likeable avant-gardist – from the 1950s to the present day. Today, aged 80, she is still working on the stage, after Mikhail Baryshnikov persuaded her to make a belated comeback as a choreographer in the year 2000. (Berlin Intl FF)

Jack Walsh
Geboren 1954 in Philadelphia, USA. Er studierte an der Temple University englische Literatur und später Film an der San Francisco State University. Walsh arbeitet als Redakteur, Produzent und Regisseur für öffentlich-rechtliche Sender. Als Executive Producer war er bei KQED San Francisco für eine ganze Reihe von Programmplätzen verantwortlich, darunter Independent View, Season by Season, sowie für den Dokumentarfilm And Then One Night: The Night of Dead Man Walking (2000, Regie: Linda Schaller). Er wurde mehrfach mit Emmys und Golden Gate Awards des San Francisco International Film Festivals ausgezeichnet.
Filmografie (Auswahl Dokumentarfilme): Beachwalk (1983, KF), Basic Training (1984, KF), Document Unearthed … (1985, KF), Working Class Chronicle (1985), Present Tense (1987, KF), Dear Rock (1993, KF), The Second Coming (1995), The Lost Generation (2004)
KATEGORIE:
PROGRAMMSCHIENEN:
17.06. 18:00 / Filmcasino

REGIE:
Jack Walsh

Buch: Jack Walsh
Kamera: Marsha Kahm
Schnitt: Laurie Lezin-Schmidt, Bill Weber
Produktion: Christine Murray, Jack Walsh
Mit: Yvonne Rainer, Lucinda Childs, Simone Forti, Steve Paxton, Carolee Schneemann, Su Friedrich, B. Ruby Rich, Douglas Crimp, Patricia White u.a.

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